Zoll & Versand zum Trotz: So gelingt Schweizer E-Commerce in der EU

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Home sweet Home. Die Schweiz ist ein hochspannender E-Commerce Markt, der noch längst nicht seinen Zenit erreicht hat. Optimistischen Schätzungen zufolge wird der Schweizer Online-Handel aufgrund der Corona-Pandemie im Jahr 2020 um über 50 Prozent bis auf 16 Milliarden Franken wachsen.

Gleichzeitig wächst aber auch der Anteil jener Schweizer, die bei den europäischen Nachbarn, allen voran Deutschland online bestellen. Der Umsatzanteil ausländischer Onlineshops am Schweizer Online- und Versandhandel hat ordentlich zugelegt und liegt bis dato bei 20 Prozent Tendenz steigend.

Auslandseinkäufe Schweizer Online-Konsumenten. Quelle: E-Commerce Stimmungsbarometer 2019 der Schweizer Post

Will heissen: Die Schweiz ist fein, aber klein. Warum also nicht den Spiess umdrehen und den eigenen Schweizer Onlineshop für die Abermillionen potentiellen Einkäufer aus dem EU-Ausland öffnen oder attraktiver gestalten? Verzollungskosten? Unsicherheit beim Versand? Mehrwertsteuer? DAP oder DPD?

Zweifelsohne sind längst nicht mehr die Alpen, sondern die Tatsache, dass die Schweiz inmitten der Europäischen Union als knifflige Zoll- und Mehrwertsteuerinsel daliegt, die vermeintlich höchste Hürde beim grenzüberschreitenden Warenverkehr. Aber wenn ihr einmal wisst, wie der Hase läuft, schrumpfen Versand- und Zollproblematik zum Kaliber eines Mittelgebirges zusammen. Vorab: Das wichtigste Tool eurer Kundenkommunikation im EU Ausland heisst Transparenz.

Wir zeigen euch in diesem SOM Blogartikel Tipps & Tricks rund um den E-Commerce in der EU, damit die Reichweite eures Onlineshops nicht am Bodensee oder im Tessin, sondern an Nordsee und Mittelmeer endet und zwar langfristig mit glücklichen Kunden.

Grüezi EU: Öffnet euren Onlineshop für den grössten Binnenmarkt der Welt

Der grösste Vorteil der EU neben Sicherheit und Frieden? Nein, es ist nicht wider Erwarten die EU-Gurkenverordnung, sondern der grösste barrierefreie Wirtschaftraum der Welt. Mit mehr als 500 Millionen Bürgern und einem Bruttoinlandsprodukt von rund 13 Billionen Euro stellt die EU wirklich alles in den Schatten, erst recht den Schweizer Markt.

Wir wollen an der Stelle aber nun gar nicht eine Pro-EU Debatte vom Zaun brechen, sondern euch nur begreiflich machen, was sich für ein Potential für euer Marketing, insbesondere euren Onlineshop jenseits unserer Republik verbirgt. Das reicht noch nicht? Okay, in Deutschland beträgt der Anteil der Internetkäufer 94%, in Österreich bei 66%, und in Frankreich bei 58%. Und um noch einen drauf zu setzen:

„Im Jahr 2019 wurden im Bereich B2C-E-Commerce in Europa rund 636 Milliarden Euro umgesetzt.“

Seid ihr jetzt an Bord? Sehr gut, denn nun geht es in diesem SOM Blogbeitrag, um das Rüstzeug, dass ihr braucht, um die EU mit eurem Swiss Onlineshop zu erobern: Tipps & Tricks rund um Zoll & Versand von der Schweiz in die EU.

#Hürde Nr. 1: Der Versand von Schweizer Waren in die EU

Du stehst am Basler Rheinufer und kannst das Ziel deiner Begierde genau, gut aufgepasst den europäischen Binnenmarkt mit blossem Auge erkennen. Dazu der Wegfall von Sprachbarrieren (Stichwort: Markt Deutschland), die kulturelle Verbundenheit und die grosse Begeisterung für Schweizer Qualität. Dennoch: Ein Export in ein Schweizer Nachbarland kommt in rechtlicher Hinsicht einem Export in die USA gleich.

Auf gute Nachbarschaft: Höhere Versandkosten für eure EU-Kunden richtig kommunizieren

Wusstet ihr schon, dass zu hohe Versandkosten für 71% der Warenkorbabbrüche verantwortlich sind? Um angesichts der höheren Versandkosten beim E-Commerce mit der EU Erfolg zu haben, müsst ihr bei eurem Online Marketing dem Thema besondere Aufmerksamkeit widmen. Viele Shops senken bewusst die Kosten für den Versand, indem sie gleichzeitig den Preis für die Ware anheben. Ob das die richtige Idee für ohnehin verhältnismässig teure Schweizer Produkte ist, lässt sich bezweifeln.

  • Seid transparent und klärt von Anfang an über die Versandkosten im vollen Umfang auf. Ungereimtheiten oder versteckte Kosten schrecken insbesondere ausländische Kunden ab. Springt mit eurem Versandkosten-Hammer auch nicht erst im letzten Bestellschritt hervor (Stichwort Warenkorbabbrecher), sondern redet von Anfang an Tacheles.
  • Führt eure Kunden in Versuchung und lockt sie charmant mit Kombo-Versandoptionen und kostenlose Warensendungen ab einem bestimmten Bestellwert.
  • Seid schneller als die Konkurrenz und offeriert euren Kunden eine möglichst schnelle Abwicklung inklusive Blitzversand. Die Deutschen und Franzosen sind durch Amazon Prime ziemlich verwöhnt.
  • Spart Versandkosten indem ihr eine möglichst breite Auswahl an Verpackungsgrössen parat habt, um nicht kleine Waren in unnötig grossen (heisst: teuren) Verpackungen zu versenden.

#Hürde Nr. 2: Die Verzollung von Schweizer Waren in der EU

Die EU kennt keinen Zoll, solange es um den eigenen Binnenmarkt geht. Für den Schweizer E-Commerce gilt nachwievor: Um die Verzollung eurer Produkte kommt ihr nicht drumherum. Jedes EU-Land nimmt unterschiedliche Verzollungsgebühren.

Verzollungsgebühren in einigen wichtigen EU-Märkten. Quelle: Schweizer Post

Das ist nicht nur ein Unkostenbeitrag, sondern insbesondere dann schlecht für euer Geschäft, wenn Sendungen am Zoll blockiert, von euren Kunden nicht angenommen werden oder ihr eure Kunden mit unerwarteten Zollgebühren verärgert. Daher sollte ihr dem leidlichen Thema Zoll eure ganze Aufmerksamkeit widmen und die richtige Lösung für euren E-Commerce auswählen.

Grundsätzlich müsst ihr für eure Schweizer Produkte, die ihr in die EU verschickt spätestens ab einem deklarierten Warenwert von 150 Euro Zoll entrichten.

Und jetzt kommt die gute Nachricht: Warensendungen unter 150 Euro aus der Schweiz, die mit einer Einzelrechnung mit sogenannten Präferenznachweis (Ursprungsnachweis) vermerkt sind, werden zollfrei eingeführt.

Die Incoterms: Zollchinesisch für euch von SOM übersetzt

Wenn ihr euch mit den Zollvorschriften auseinandersetzt, werden ihr schnell über den Begriff Incoterms stolpern. Das sind nichts anderes als Spielregeln im traditionellen Handel, wobei die zwei häufigsten Incoterms DDP und DAP sind. Wie bitte? Keine Sorge, wir klären euch auf.

DDP: Bei einer DDP Lieferung müsst ihr als Verkäufer eure Waren selbst auf eigene Kosten ins Importland liefern und dabei alle anfallenden Formalitäten erledigen sowie Kosten für Zoll- und Steuerabwicklung tragen. Kurzum: Eure Kunden müssen bei Erhalt der Sendung nichts mehr bezahlen, da die Ware zollfrei wie eine nationale Bestellung zugestellt wird.

DDP hat in puncto Kundenzufriedenheit im E-Commerce selbstredend die Nase vorn. Daher solltet ihr das Thema DDP in euren Lieferbedingungen unbedingt „ausschlachten“ und beim Check-out-Prozess klar definieren, dass der Preis inklusive aller Zölle und Mehrwertsteuer zu verstehen ist. So sind eure Kunden nicht nur bestens informiert, sondern eher geneigt, den Warenkorb abzuschicken, da sie sich sicher sein können, keine bösen Überraschungen zu erleben.

DAP: Bei einer DAP Lieferung bleibt der Verkäufer für die Lieferung der Ware inklusive der Transportkosten bis zum Bestimmungsort beim Käufer zuständig. Davon ausgenommen sind allerdings die Zollgebühren und Mehrwertsteuer. Sollten die Mehrwertsteuer und/oder der Zoll über den Freigrenzen liegen, müssen sämtliche Abgaben bei Entgegennahme eurer Sendung an der Haustür eures Kunden bezahlt werden.

Diese Variante birgt die Gefahr, dass, sofern ihr nicht transparent mit dem Thema umgeht, eure Kunden sich in der Regel gar nicht darüber im Klaren sind, dass ihre Bestellung zollpflichtig und mehrwertsteuerpflichtig ist. Fazit: Sie steigen auf die Barrikaden der Online-Bewertung und es hagelt nur so schlechte Ratings.

Unser Tipp für kleine Warensendungen und DAP-Lieferung: Der Briefkanal

Solange ihr nur Kleinwaren bis maximal 2 kg und 400 Schweizer Franken verschickt, könnt ihr den besonders günstigen Briefkanal benutzen, der bis zu den Massen eines üblichen Schuhkartons (alle Seiten zusammen max 90 cm, keine Seite länger als 60 cm) für euch Gültigkeit besitz. Jetzt fehlt nur noch die elektronisch generierte Zolldeklaration CN23, das sogenanntes Harmonized Label, das du direkt auf der Seite der Schweizer Post erstellen kannst. Wenn ihr jetzt noch eine Handelsrechnung in dreifacher Ausführung beilegt, kann nichts mehr schiefgehen. Aber bitte: Klärt eure Kunden über die zu erwartenden Zollgebühren vorab auf. In dem Sinne, auf gute Nachbarschaft!

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